{"id":1601,"date":"2009-06-01T21:53:19","date_gmt":"2009-06-01T19:53:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=1601"},"modified":"2009-06-01T21:53:19","modified_gmt":"2009-06-01T19:53:19","slug":"compression-sound-art","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=1601","title":{"rendered":"Compression Sound Art"},"content":{"rendered":"<div id=\"textbox\">\n<h1>Compression Sound Art<\/h1>\n<h2>Kommentierte Kl\u00e4nge &#8211; H\u00f6ren zum Mitlesen: Musikalische Zip-Files.<\/h2>\n<p><object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" width=\"425\" height=\"344\" codebase=\"http:\/\/download.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=6,0,40,0\"><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\" \/><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\" \/><param name=\"src\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/7iMPxJ8WSkc&amp;hl=de&amp;fs=1\" \/><embed type=\"application\/x-shockwave-flash\" width=\"425\" height=\"344\" src=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/7iMPxJ8WSkc&amp;hl=de&amp;fs=1\" allowscriptaccess=\"always\" allowfullscreen=\"true\"><\/embed><\/object><\/p>\n<p><strong>S\u00e4mtliche Symphonien Beethovens in einer einzigen Sekunde, komplette Filme in einer halben Sekunde, alle Songs der Beatles in einer Zehntelsekunde \u2013 Zeit ist relativ! In der \u00c4ra der komprimierten Datens\u00e4tze, zu Milliarden durch die Glasfaser kopiert, kommuniziert der postmoderne Mensch nur die kurzen Metadaten: Links und Icons, Tweets und RSS-Feeds. W\u00e4hrend wir ein leises K\u00fchlerrauschen vernehmen, werden Millionen Rechenvorg\u00e4nge f\u00fcr uns get\u00e4tigt.<\/strong><\/p>\n<p>Die heiligsten K\u00fche sind kleine Zahlenp\u00e4ckchen. Gro\u00dfes Kulturgut (Beethoven), Schlachtr\u00f6sser der Musikindustrie (Beatles), dicke Literaturschinken (Proust), die Schriften der Weltreligionen, sie alle sind heute Daten auf einem winzigen Chip, ihre Icons nur ein paar Pixel nebeneinander. Es gibt nichts mehr allein und neutral, alles hat seine Beschreibung und seinen wandelnden Kontext. Und ein Icon, eine Zusammenfassung gen\u00fcgen f\u00fcr\u2019s Vokabular des Informationsmenschen, wie die franz\u00f6sischen Philosophen schon l\u00e4nger wissen: Das Zeichen wird wichtiger als das Bezeichnete, den Rest kann man sich denken bzw. schenken (\u201eFilesharing\u201c) oder bei Bedarf einsehen, in der gro\u00dfen Bibliothek da hinterm Ortsschild Google.<\/p>\n<p>Komprimierung. Mp3 ist die neue Bescheidenheit, alle r\u00fccken n\u00e4her zusammen, dann haben alle Platz; es gibt halt so viel! Daten werden gerafft, codiert, verschl\u00fcsselt \u2013 auch illegale Technologie (DVD-Rip-Code), illegal anwesende K\u00f6rper (Einwanderer) und 130 000 wahrscheinlich nicht so legal bezogene Songs werden zum Klang entsch\u00e4rft, als Beweismittel untauglich (Gru\u00df Herrn Gorny und Herrn Sch\u00e4uble!), w\u00e4hrend sich die Milliardenverluste der Banker zum Ballerspielsound entladen lassen. Score.<\/p>\n<p>In K\u00fcrze Gew\u00fcrze. Am Ende des Lebens l\u00e4uft nochmal der ganze Film ab, innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde, aber vielleicht ist auch das, was uns wie das eigentliche, lange Leben vorkommt nur eine ausgedehnte Sekunde: Bestenfalls sind wir Eintagsfliegen f\u00fcr die anderen Sternenwesen. Doch was sich alles in einer Sekunde abspielen kann, welche Romane und Dramen in jedem Augenaufschlag passieren und was alles D\u00e4monisches in dem einzigen Wort \u201eReich\u201c steckt, wenn Hitler es ausspricht.<\/p>\n<p>Gimme more, one more time! Zudr\u00f6hnen mit der Wiederholungsschleife, jetzt geht\u2019s viel effizienter, der Refrain des Digitalen kommt in h\u00f6herem Takt, mehr ist mehr! Ein happy H\u00e4ppchen-Happening!! Adorno sagte einst, Musik, die schon bekannt ist, solle man schneller spielen. Hier sind sie nun, die neuen Tempi, hier ist die \u00c4sthetik der gro\u00dfen Zahl. Beethoven instrumentalisiert, Stille Nacht instrumentiert.<\/p>\n<p>Aber geben wir uns mit dem Klang auch M\u00fche, es muss nicht alles digital entwertet sein. Beispielsweise wurde noch nicht die Ostermesse des Papstes auf einer hochwertigen Latexhaut als Membran ausgegeben (mit Noppen als Hocht\u00f6ner). Oder wieviele Menschen lie\u00dfen im Irak ihr Leben f\u00fcr eine halbe Sekunde Sound. Halleluja! Weitgereiste Ofenrohre, riesige M\u00fche f\u00fcr einen einzigen kurzen Klang, diesen Luxus bekommt der, der\u2019s glaubt. Schenken wir Glauben? Sonst ist alle Musik neutral. Aber noch der Mp3-Code, der perfide Computervirus der die Musikindustrie wegrafft, kann selbst h\u00f6rbar gemacht werden. Klang ist Code und Code ist Klang.<\/p>\n<p>Das Psychogramm des digitalen Menschen ist seine Playlist, die Linkliste sein Hallo. Es sind die Mischungen, die interessant sind, destilliertes Wasser schmeckt nicht. \u201eOhne die Vermischung der Geister kann keine Liebe entstehen.\u201c (Ferdinand Santanelli, \u201eGeheime Philosophie oder magisch-magnetische Heilkunde\u201c, Neapel 1723). Jedes \u201eRe-Entry\u201c (Luhmann) ist ein Fest, denn im Digitalen gehen viele S\u00f6hne verloren. Mash-Up ist Flirt, Liebe, Leben. Feiern wir nun einen polymetrischen Tanz in Hyperintervallen.<\/p>\n<p>Playlist:<\/p>\n<div id=\"textbox-bottom\">\n<li>S\u00e4mtliche Symphonien Beethovens, abgespielt in einer Sekunde.<\/li>\n<li>S\u00e4mtlich Songs der Beatles, abgespielt in einer Zehntelsekunde.<\/li>\n<li>Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, H\u00f6rbuch abgespielt in einer Sekunde (Hommage \u00e0 Monty Python\u2019s Flying Circus, Episode 31).<\/li>\n<li> 130 000 Songs, abgespielt in vier Sekunden.<\/li>\n<li> Tonspur von Rambo 3, abgespielt in einer Drittelsekunde.<\/li>\n<li> Tonspur eines kompletten Pornofilms, abgespielt in einer Drittelsekunde.<\/li>\n<li> Tonspur von Und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier, komprimiert auf einen Beat.<\/li>\n<li> Britney Spears: Baby one more time, abgespielt zehn Mal in einer Sekunde.<\/li>\n<li> Britney Spears: Gimme more, abgespielt 400 Mal in einer Sekunde.<\/li>\n<li> Ein hoher Ton, abgespielt durch den Kehlkopf eines illegalen Einwanderers.<\/li>\n<li> Der Mp3-Codec, als Wellenform ausgelesen<\/li>\n<li> Die Aktienkurse tausender Banken, melodisiert f\u00fcr Computerspiele.<\/li>\n<li> Der Papst, abgespielt auf einem Kondom als Membran.<\/li>\n<li> Die Bibel (als H\u00f6rbuch), abgespielt in einer Drittelsekunde.<\/li>\n<li> Der Koran (als H\u00f6rbuch), abgespielt in einer Drittelsekunde.<\/li>\n<li> Die Tora (als H\u00f6rbuch), abgespielt in einer Drittelsekunde.<\/li>\n<li> Das Gesamtwerk Nietzsches (als H\u00f6rbuch), abgespielt in einer Drittelsekunde.<\/li>\n<li> Alle vier vorigen zusammen.<\/li>\n<li> Immanuel Kant: Kritik der reinen Urteilskraft, abgespielt 22 000 Mal in einer Sekunde (nur f\u00fcr Flederm\u00e4use h\u00f6rbar).<\/li>\n<li> Aufnahme einer Explosion, so viele Mikrosekunden lang abgespielt wie es Tote im Irakkrieg gibt (1.4.09).<\/li>\n<li> Hitler spricht das Wort Reich, zw\u00f6lf Mal langsamer abgespielt.<\/li>\n<li> Der Code zum illegalen Rippen von DVDs, als Wellenform ausgelesen.<\/li>\n<li> Die Aufnahme eines Ofenrohrs, das 1972 von Neuseeland aus Alaska importiert wurde, wo man es mit einem Benzinmotor 574 mal pro Sekunde in Schwingung versetzte; die Aufnahme davon wurde 2003 mit einer gehackten Software auf einem alten Ataricomputer manipuliert und gefiltert.<\/li>\n<li> Ein Klang \u00fcber dessen Enstehung niemand je etwas erfahren wird.<\/li>\n<li> Ein v\u00f6llig neutraler Ton ohne jede Bedeutung.<\/li>\n<li> Compression Sound Art, abgespielt 3000 Mal pro Sekunde.<\/li>\n<p>Mit Dank an Martin Sch\u00fcttler.<\/p>\n<p>Johannes Kreidler, Mai 2009<\/p><\/div>\n<\/div>\n<p>[ad#ad2]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Compression Sound Art Kommentierte Kl\u00e4nge &#8211; H\u00f6ren zum Mitlesen: Musikalische Zip-Files. 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