{"id":12472,"date":"2014-02-27T05:14:15","date_gmt":"2014-02-27T03:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=12472"},"modified":"2014-03-16T13:10:16","modified_gmt":"2014-03-16T11:10:16","slug":"neuer-konzeptualismus-methoden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=12472","title":{"rendered":"Neuer Konzeptualismus &#8211; Methoden"},"content":{"rendered":"<p>Das Augenmusik-Festival ist vorbei, jetzt kommt ein Theoriefestival \u00fcber den Neuen Konzeptualismus.<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Das folgende ist \u00fcberhaupt keine abschlie\u00dfende Bilanz, aber ein \u00dcberblick \u00fcber Methoden des \u201eNeuen Konzeptualismus\u201c, wie er in den letzten Jahren in Erscheinung getreten ist.<br \/>\nDas Ganze ist meine Sicht der Dinge, ich mache das aus Lust auf Theoretisieren, Erkenntnissuche und Kunstkonsum. Regelm\u00e4\u00dfige Leser werden viele Beispiele schon kennen.<br \/>\nAndere k\u00f6nnen den Neuen Konzeptualismus gerne anders deuten und andere Beispiele anbringen.<\/p>\n<p>Mein Konzept-Begriff ist ziemlich streng; nicht aus Gr\u00fcnden irgendeiner pers\u00f6nlichen Ausgrenzung, sondern um theoretische Klarheit zu behalten. In der Praxis gibt es nat\u00fcrlich auch viele Misch- und gem\u00e4\u00dfigtere Formen. Ich \u00fcberblicke auch beileibe nicht den ganzen Fundus an bestehenden St\u00fccken zu dem Thema.<\/p>\n<p>Meine zentrale Definition von Konzeptualismus ist von Sol LeWitt \u00fcbernommen: The idea is a machine that produces the work of art. Andersrum gesagt: Wenn es an dem Komponisten ist zu \u00fcberlegen, ob nun der n\u00e4chste Ton f oder doch besser fis sein soll, dann ist es kein Konzeptualismus, denn das Konzept (\u201edie Maschine\u201c) m\u00fcsste diese Entscheidung treffen. Der Konzeptualist setzt mit einer \u00fcbergeordneten Idee \/ an anderen Aspekten von Musik an, die Details obliegen nicht seiner expressiven Gestaltung. Ein gestalterisches Prinzip wird seinem eigendynamischen Verlauf \u00fcberlassen. Darum, und ich wei\u00df dass das einige anders sehen, erachte ich bspw. Improvisation nicht f\u00fcr Konzeptualismus \u2013 jedenfalls nicht, wenn die Impro gut ist, denn bei Improvisation werden ja st\u00e4ndig Detailentscheidungen vom Spieler getroffen. Nur wenn die Detailentscheidungen sehr stark von einem Konzept gepr\u00e4gt sind, kann ich es konzedieren. Und darum ist auch die gesch\u00e4tzte H\u00e4lfte meiner Musik praktisch gar nicht konzeptuell \u2013 an dem St\u00fcck \u201e<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/werke\/verzweiflung.htm\">Der \u201aWeg der Verzweiflung\u2019 (Hegel) ist der chromatische<\/a>\u201c habe ich 1,5 Jahre gearbeitet und mir jede f\/fis-Entscheidung zehnmal \u00fcberlegt. Trotzdem nennen das St\u00fcck dann manche auch gleich konzeptuell&#8230; Kann ihnen nicht helfen, man h\u00f6rt es doch deutlich. F\u00fcr mich geh\u00f6rt es zur Reihe der St\u00fccke, denen ich das Label \u201eMusik mit Musik\u201c gegeben habe, worunter ich Hypercollagen verstehe. Allerdings ist (bei mir) der Konzeptualismus aus diesem Appropriations-Ansatz heraus entstanden, da ein wesentliches Moment des Neuen Konzeptualismus ebenfalls die Arbeit mit Vorgefundenem ist.<\/p>\n<p>Eine Art Definition von musikalischer Konzeptkunst habe ich mit meinen \u201e<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/saetze.htm\">S\u00e4tzen \u00fcber musikalische Konzeptkunst<\/a>\u201c versucht.<br \/>\nEs gibt auch einen Wikipedia-Artikel \u00fcber <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konzeptmusik\">Konzeptmusik<\/a>, den nicht ich verfasst habe, der aber teilweise Formulierungen von mir verwendet.<\/p>\n<p>Wenn auch die Idee das Prim\u00e4re ist, gibt es bei Konzeptst\u00fccken alle Grade von \u00e4sthetischer Erscheinungsweise, vom unauff\u00fchrbaren St\u00fcck (oder die Auff\u00fchrung ist nicht n\u00f6tig), das nur sprachlich oder bildlich mitgeteilt wird und dessen musikalisch-klangliche Dimension also imagin\u00e4r ist, \u00fcber multimediale Konstellationen, bei denen eine Zusatzinformation in einem nicht-musikalischen Medium (Text, Video, Performance) hinzugef\u00fcgt wird, Musik im Netz, in die man nur kurz mal reinh\u00f6rt, bist hin zu St\u00fccken, die mehr oder weniger aus dem Konzept heraus \u201enormale\u201c Musikst\u00fccke werden. Manche Ideen lassen sich in vielen verschiedenen Realisierungen umsetzen, all jene verweisen damit auf den ideellen Kern, oder die sinnliche Ebene wird zugunsten der Vermittlung der dahinterliegenden Idee bewusst vernachl\u00e4ssigt, durch Unterlaufen \u00e4sthetischer Standards.<\/p>\n<p>Alle Erscheinungsweisen geh\u00f6ren zum Neuen Konzeptualismus, sein Erkennungsmerkal ist die Medienvielfalt. Darum halte ich es, anders als Harry Lehmann, f\u00fcr plausibel, von einem \u201eIsmus\u201c zu sprechen. Die Medienvielfalt bedeutet: Auff\u00e4cherung oder auch Zersetzung des Werkbegriffs; eine der Innovationen des NK ist eine formale. Zum Neuen Konzeptualismus geh\u00f6ren Konzertst\u00fccke ebenso wie der Wortwitz auf Facebook. Das hat etwas von \u201eAnti-Kunst\u201c, jedenfalls geht es gegen einen Werkbegriff bzw. ein Kunstverst\u00e4ndnis, das in der Neuen Musik eine starke Tradition ausgebildet hat, bisweilen zehrt der NK auch von jener Tradition ex negativo. Aber Negation war in der Kunst immer der Innovationsmotor, im Verh\u00e4ltnis zur opulenten Vokalpolyphonie am Ende der Renaissance nahm sich die fr\u00fchbarocke homophone Sachlichkeit Heinrich Sch\u00fctzens ebenfalls wie Anti-Kunst aus \u2013 \u00fcbrigens eminent politisch gepr\u00e4gt, dem Protestanten Sch\u00fctz war die Wortverst\u00e4ndlichkeit der nunmehr ins Deutsch \u00fcbersetzten geistlichen Texte wichtig.<\/p>\n<p>Der NK sieht eine au\u00dferakustische, aber immer noch k\u00fcnstlerische (ob das auch noch eine &#8222;\u00e4sthetische&#8220; ist, halte ich f\u00fcr eine schwierige Frage) Realit\u00e4t von Musik. Ihre Einheit und Form ist die Idee, die sich in verschiedenen Medien &#8222;unters Volk&#8220; bringen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zentral f\u00fcr ein Konzeptst\u00fcck ist die starke Idee. Eigentlich unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass diese generierende Idee eine gute, geistvolle, aussagekr\u00e4ftige, pointierte sein muss.<br \/>\nAnders als in skrupul\u00f6s f\u00fcr den Konzertsaal komponierter Musik ver\u00f6ffentlicht der Konzeptualist aber auch mal eine kleine Idee, einen kurzen Witz. Der Konzeptualismus kann gro\u00dfe Einzelwerke hervorbringen, er besteht aber auch aus vielen kleinen Gedankensplittern. Er ist Denkform und Lebenspraxis. Niemand soll sich beschweren, dass der Konzeptualismus nicht so funktioniert wie eine Partitur von Beat Furrer. Der Neue Konzeptualismus hat ganz andere Ma\u00dfst\u00e4be, wer von herk\u00f6mmlichen Musik-Begriffen nicht wegkommt, der m\u00f6ge gar nicht erst mit Kritik anfangen. Hier geht es um den erweiterten Musikbegriff. Entweder hat man daf\u00fcr einen Sinn oder nicht. Kritiken, die mit falschen Voraussetzungen daherkommen, nehme ich nicht ernst.<\/p>\n<p>Eine Idee ist, nach dem Aphorismus Robert Musils, \u201edas kleinste m\u00f6gliche Ganze\u201c. Der Neue Konzeptualismus erschlie\u00dft Sinneinheiten in der Musik. Er ist Recherche, vergleichbar der Materialrecherche im 20. Jahrhundert. Man kann aus der Erfahrung des \u201eInformation Overload\u201c, wie er durch die Digitale Revolution geschieht, zwei Konsequenzen ziehen \u2013 die riesige Menge gestalten oder im Gegenteil einen \u00e4u\u00dfersten Minimalismus entgegenhalten. Der NK tut letzteres, wiewohl eine Idee die riesigen Mengen zum Thema haben kann.<\/p>\n<p>Nach folgenden Gesichtspunkten habe ich eine gro\u00dfe Anzahl von St\u00fccken rubriziert:<\/p>\n<p><strong>1.\tVorgefundenes<\/strong><\/p>\n<p>a)\tReadymade: etwas zur Musik erkl\u00e4ren<br \/>\nb)\tGeometrische Sonifikation<br \/>\nc)\tSonifikation in Tonh\u00f6hen ohne Geometrie<br \/>\nd)\tSonifikation von \/ mit Dauern<br \/>\ne)\tSonifikationszahlen m\u00fcssen aus Vorlage erst gewonnen werden<br \/>\nf)\tRe-Sonifikation<br \/>\ng)\tSonstige Sonifikation<br \/>\nh)\tSonifikation und Filterung<br \/>\ni)\tNeuordnung<br \/>\nj)\tAusschneiden und Zusammentragen<br \/>\nk)\tParameter \u00e4ndern<br \/>\nl)\tAnh\u00e4ufung<br \/>\nm)\tAddition<br \/>\nn)\tSubtraktion<br \/>\no)\tNoten gewinnen<br \/>\np)\tTechnische Neuinterpretation von Musik \/ Re-Enactment<br \/>\nq)\t\u00dcbertragung von Kunstwerken anderer Medien<\/p>\n<p><strong>2.\tKontext-Differenz<\/strong><\/p>\n<p>a)\tTitel und Musik<br \/>\nb)\tKontext: Herstellung, Autorschaft, \u00d6konomie<\/p>\n<p><strong>3.\tSynthetischer Konzeptualismus<\/strong><\/p>\n<p><strong>4.\tInstrument Design<\/strong><\/p>\n<p>a)\tneue Instrumente<br \/>\nb)\tschwer zu spielende \/ unm\u00f6gliche Instrumente<br \/>\nc)\tInstrumentenzerst\u00f6rung<\/p>\n<p><strong>5.\tImagin\u00e4re Musik<\/strong><\/p>\n<p>Diese Rubriken werden in der n\u00e4chsten Zeit mit Beispielen vorgestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Augenmusik-Festival ist vorbei, jetzt kommt ein Theoriefestival \u00fcber den Neuen Konzeptualismus. 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