{"id":1239,"date":"2009-04-13T12:58:35","date_gmt":"2009-04-13T10:58:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=1239"},"modified":"2009-04-16T20:14:49","modified_gmt":"2009-04-16T18:14:49","slug":"offener-kommentar-einer-polemik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=1239","title":{"rendered":"Offener Kommentar einer Polemik"},"content":{"rendered":"<p>Dass die Remix-Kultur nicht nur <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=1050\">Freunde<\/a>, sondern auch entschiedene Feinde hat, gab \u00fcberhaupt meiner GEMA-Aktion erst jene Brisanz, die das mediale Interesse wohl zu Recht auf sich gezogen hat.<\/p>\n<p>Die meines Wissens sch\u00e4rfste Polemik hat nun der Komponistenkollege Art-Oliver Simon <a href=\"http:\/\/artosimon.wordpress.com\/2009\/04\/12\/du-sollst-stehlen-bemerkungen-zur-trendigen-aufweichungstendenz-des-begriffes-der-geistigen-urheberschaft\/\">verfasst<\/a>.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich freue ich mich ja \u00fcber Auseinandersetzungen mit meiner Arbeit, nur kann ich hier ein paar Sachen einfach nicht unkommentiert lassen:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn Komponisten wie Johannes Kreidler in einer medienwirksam inszenierten Aktion ein 30-Sekunden-Musikst\u00fcck mit 72.000 Fremdanteilen schriftlich bei der GEMA anmelden,<\/p><\/blockquote>\n<p>Obwohl ich den Verfasser noch auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte, hat er es nicht f\u00fcr n\u00f6tig gehalten zu korrigieren, dass es sich um ein 33sek\u00fcndiges St\u00fcck mit 70.200 Fremdanteilen handelt. Kleinigkeiten, aber wer polemisiert darf nun mal mit den Fakten nicht schlampen.<\/p>\n<blockquote><p>um sich dann vor laufenden Kameras und vor den Augen der hochrangigen GEMA-Verantwortlichen f\u00fcr \u201cReformen\u201d und \u00c4nderungen dieses &#8211; in seinen Augen zu b\u00fcrokratischen Verfahrens &#8211; einsetzen (Reformen wohin? &#8211; \u00c4nderungen wof\u00fcr und wogegen?),<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier wird das Ganze so dargestellt, als ob ich keinerlei Alternativen im Zuge der Aktion genannt h\u00e4tte. Kann man alles <a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/productplacements-essay.htm\">hier<\/a> nachlesen.<\/p>\n<p>Weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Dieser von mir beschriebene Ist-Zustand f\u00fchrt dann Komponisten wie Johannes Kreidler zum n\u00e4chsten, in seinen Augen konsequenten Schritt, n\u00e4mlich der Meinung zu sein, geistiges Eigentum w\u00fcrde per se der Enteignungsmaschinerie der Medienindustrie unterliegen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Habe ich nie behauptet. Im Gegenteil, in einem Interview zur GEMA-Aktion sagte ich:<\/p>\n<p>&#8222;T: Aber wenn Neonazis Ihre Musik f\u00fcr einen Werbefilm einfach verwenden?<br \/>\nK: Dann habe ich einfach Schei\u00dfe komponiert.&#8220; [<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/partitur-eines-musiktheaters.htm\">link<\/a>]<\/p>\n<p>Was sich &#8222;enteignen&#8220; l\u00e4sst ist eine \u00e4sthetisch-\u00f6konomische Frage. In der Neuen Musik wird z.B. auch geklaut, aber von &#8222;Medienindustrie&#8220; kann dabei kaum die Rede sein. In meinem Product-Placements-Essay habe ich auch geschrieben:<\/p>\n<p>&#8222;Es hat auch sein Gutes, dass die Neue Musik gesellschaftlich und \u00f6konomisch so gut wie irrelevant ist: Ihre Narrenfreiheiten reichen bis zur praktischen Rechtsfreiheit. Niemandem kommt es hier in den Sinn, Ideenklau oder getreue \u00dcbernahmen einzuklagen, denn es gibt monet\u00e4r (und moralisch) nichts zu holen. J\u00f6rg Widmann kann vor einer Gruppe Jugendlicher in Hitzacker ungeniert behaupten, gewisse Klavierspieltechniken selbst erfunden zu haben, die tats\u00e4chlich seit sp\u00e4testens den 1960ern kursieren. Daf\u00fcr gibt es nur einen kunstwissenschaftlichen Ausdruck: Eklektizismus.&#8220;<\/p>\n<p>Im Weiteren steht aber vielmehr zur Diskussion, was \u00fcberhaupt geistiges Eigentum sein soll. Dazu sind in den letzten Monaten etlichste Artikel verfasst worden, die Creative-Commons-Bewegung etwa zeigt an, welche Differenzierungsgrade heute denkbar sind, und gerne verweise ich aufs j\u00fcngst <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=1230\">gebloggte<\/a> Zitat von Goethe.<\/p>\n<p>All das ist auf meiner Website und meinem Blog gut einsehbar nachzulesen, die M\u00fche h\u00e4tte sich Herr Simon schon machen d\u00fcrfen, statt leichtfertiger Unterstellungen. Eben diese Leichtfertigkeit gipfelt im folgenden Passus:<\/p>\n<blockquote><p>Lassen wir ihn also selbst zu Wort kommen: \u201cKennzeichnend f\u00fcr meine \u00c4sthetik einer \u201cMusik mit Musik\u201d ist die Enteignung und Zweckentfremdung. Mir wurde einmal unterstellt, dass ich die Musik ja eigentlich hassen m\u00fcsste, wenn ich so mit ihr verf\u00fchre. Nun, in der Tat f\u00fchle ich mich nicht der sogenannten \u201cTradition\u201d verbunden, oder wenn es \u00fcberhaupt eine Tradition gibt, in der ich mich verwurzelt f\u00fchle, dann sind das ein paar wenige St\u00fccke aus der Neuen Musik der letzten 30 Jahre, nicht aber Kunst aus der Zeit der Postkutsche.\u201d (Johannes Kreidler &#8211; Musik mit Musik\/Positionen 2007).<\/p>\n<p>Stellungnahmen wie diese kommen f\u00fcr mich einer geistigen Notenverbrennung gleich, bedeuten sie doch nichts anderes, als Kunstprodukte, die \u00e4lter als 30 Jahre sind und somit noch nicht der medialen Verwurstung der Jetztzeit unterlagen (einer Verwurstung, die durchaus auch auf Freiwilligkeit beruht, denn ein Ideenproduzent ist als potentiell frei handelndes Subjekt nicht gezwungen, sich dem Diktat dieser Verwurstung zu beugen und auf diesen Zug aufzuspringen), als \u201cPostkutschen\u201dkunst dem heutigen Kommunikationstempo deshalb auch nicht mehr gewachsen zu sein scheinen und somit dem Feuer des Hegelschen Weltgeistes (dessen Enzym in Kreidlers Konzept die mediale Beschleunigung ist) \u00fcbergeben werden k\u00f6nnen, f\u00fcr bedeutungslos zu erkl\u00e4ren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Notenverbrennung! Da spart jemand ja nicht gerade an Vergleichsmasse, es m\u00fcssen schon die Nazis sein, die meiner Haltung gleichkommen. (N.B.: Gestern stand da noch &#8222;B\u00fccherverbrennung&#8220;, was ich mir verbeten habe, aber zu mehr als der kleinen Kosmetik war der Verfasser dann doch nicht gewillt.)<br \/>\nZugegebenerma\u00dfen ist die zitierte Stelle von mir eine gewisse Provokation, obwohl es eigentlich nicht so verwunderlich sein d\u00fcrfte, wenn ein zum Zeitpunkt des Verfassens 28j\u00e4hriger Komponist erkl\u00e4rt, dass er sich in der Musik der letzten 30 Jahre zu Hause f\u00fchlt. Herr Simon spart, bewusst oder ebenso leichtfertig-ignorant, ja einfach die S\u00e4tze danach aus, in denen ich wiederum schreibe:<\/p>\n<p>&#8222;Das soll keine Ignoranz bedeuten, ich spiele seit meiner Kindheit leidenschaftlich gern Klavier, unterrichte an der Hochschule Kontrapunkt und Harmonielehre und bet\u00e4tige mich in der musiktheoretischen Forschung. Ansonsten ist Popmusik die Musik, die ich freiwillig und unfreiwillig am meisten h\u00f6re. Jedoch offenbart sich meinem Klanggef\u00fchl heute ein durchweg k\u00fcnstlich aufrecht erhaltenes und pornografisch ausgebeutetes &#8222;Triebleben der Kl\u00e4nge&#8220;; und fast nur noch von der distanzierten Position des Schneidetisches aus wird mir dieser Klang wieder zur Musik.&#8220;<\/p>\n<p>Hier wird auch klar, dass ich mich gegen einen musealen Konzertbetrieb str\u00e4ube; dass ich die traditionelle Musik ALS traditionelle h\u00f6chst sch\u00e4tze, kann eigentlich nicht \u00fcbersehen werden, wenn man in meiner Bio liest, dass ich klassische Musiktheorie studiert habe und seit Jahren an der Hochschule unterrichte, und dazu auch schon einige wissenschaftliche Aufs\u00e4tze publiziert habe. Nur als Komponist habe ich den Anspruch, etwas NEUES zu schaffen, alles andere w\u00e4re die M\u00fche und Subventionen nicht wert, und hierbei m\u00f6chte ich mich, nicht zuletzt aufgrund von Verehrung, gar nicht gro\u00dfspurig in die Beethoven-Tradition einreihen, wie es andere &#8211; ungeb\u00fchrend &#8211; gern von sich verk\u00fcnden. Ich empfehle am Rande die Lekt\u00fcre von Adornos Text &#8222;Bach gegen seine Liebhaber verteidigt&#8220;.<\/p>\n<p>Simon weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Ebenso wie Internetbeziehungsportale suggerieren, dass man Liebe und eine neue Beziehung mit einem Mausclick und einer einfachen Kreditkarten-transaktion in Sekundenschnelle realisieren kann, ebenso wie akademische Studienabschl\u00fcsse heute mit Hilfe eines supermodernen Labtops und dem schnellen Durchpausen und Zusammenkleben geistigen Eigentums aus dem Internet beschleunigend vorangetrieben werden k\u00f6nnen, ohne ein einziges Milligramm an eigenst\u00e4ndiger geistiger Urheberschaft von einem selbst abzuverlangen, so fordert uns die sch\u00f6ne neue und zutiefst sexuell aufgeladene Medienwelt zum st\u00e4ndigen und Lustgewinn versprechenden Ehebruch (du sollst fremdgehen) und zu permanent kriminellen Verhaltensweisen heraus (du sollst stehlen &#8211; du sollst deinen N\u00e4chsten t\u00f6ten). Und suggeriert den neuen kategorischen Imperativ: Wer sich dieser Rutschbahn der geistigen Werte nach unten verweigert, der bleibt zur\u00fcck und macht sich des Vergehens schuldig, sich gegen die Beschleunigung der Wertsch\u00f6pfungskette zu stellen und damit Sand im Getriebe dieses Systems zu sein, ein Vergehen, was mit \u00f6konomischem Untergang oder mindestens mit dem endg\u00fcltigen Entzug sexueller Energie bestraft wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Genau, Filesharen ist wie Morden und komischerweise auch noch Teil der Wertsch\u00f6pfungskette (schon mal was vom Darben der Wertsch\u00f6pfungsketten der Musikindustrie geh\u00f6rt und dem Sand, der da im Getriebe knackt?). Remix ist in keinster Weise selbst kreativ, und irgendwas krud-sexuelles mischen wir da auch noch argumentativ ins Sammelbecken dieser zwei Riesens\u00e4tze ein. Diese Undifferenziertheit habe ich bislang noch nicht mal bei den radikalsten Remix-Gegnern angetroffen. Ich denke es gen\u00fcgt, auf etliche Eintr\u00e4ge in diesem Blog zum Thema &#8222;Kopierrecht&#8220; zu verweisen.<\/p>\n<p>Zum guten Schluss hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>denn f\u00fcr mich ist eine \u201ckonservative\u201d Haltung im Felde der Kunst lediglich die Bewahrung einer M\u00f6glichkeit, n\u00e4mlich Kunst oder ein gutes Musikst\u00fcck zu produzieren und der Kampf gegen diejenigen (sich zweifelhaft \u201cprogressiv\u201d nennenden) Akteure, die diese M\u00f6glichkeit bek\u00e4mpfen, einschr\u00e4nken und schlie\u00dflich ganz abschneiden wollen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kreidler, der erkl\u00e4rte Totengr\u00e4ber der Kunst! I am sorry, ich kann an der Stelle nicht mehr, au\u00dfer sagen: Bullshit.<\/p>\n<p>[ad#ad2]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die Remix-Kultur nicht nur Freunde, sondern auch entschiedene Feinde hat, gab \u00fcberhaupt meiner GEMA-Aktion erst jene Brisanz, die das mediale Interesse wohl zu Recht auf sich gezogen hat. 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