{"id":12350,"date":"2014-02-08T20:06:47","date_gmt":"2014-02-08T18:06:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=12350"},"modified":"2014-02-09T18:41:34","modified_gmt":"2014-02-09T16:41:34","slug":"neuer-konzeptualismus-und-digitalisierung-in-der-diskussion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=12350","title":{"rendered":"Neuer Konzeptualismus und Digitalisierung in der Diskussion"},"content":{"rendered":"<p>Aktuell gibt es ein paar bemerkenswerte Ver\u00f6ffentlichungen zum Neuen Konzeptualismus und zur Digitalisierung in der Neuen Musik.<\/p>\n<p>Bei Suhrkamp ist j\u00fcngst das Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/die_autonomie_des_klangs-gunnar_hindrichs_29687.html\">Die Autonomie des Klangs<\/a>&#8220; von Gunnar Hindrichs erschienen. Ein paar \u00dcberlegungen des Autors zum &#8218;Material&#8216; teile ich, sie stimmen mit einigen Gedanken meines Textes &#8222;<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/kreidler__zum_materialstand_der_gegenwartsmusik.pdf\">Zum &#8218;Materialstand&#8216; der Gegenwartsmusik<\/a>&#8220; \u00fcberein.<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich muss ich mir allerdings durchweg an den Kopf greifen, wie der Autor als Kant&#8217;sches Apriori die (Werk-)Autonomie von Musik als Grundlage nimmt. Nachdem nun seit gut 40 Jahren Komponisten die mannigfachen Verflechtungen von Musik mit Gesellschaft, \u00d6konomie und Technologie herausarbeiten und die digitale Revolution dem erst Recht Auftrieb verschafft, behauptet der Autor dennoch ernsthaft: &#8222;Nur die Idee des autonomen Werks bildet den Idealtypus der europ\u00e4ischen Musik.&#8220; (S. 228). Dieser Psalm zieht sich durch das ganze Buch, und es \u00fcberrascht dann auch nicht mehr, wenn er irgendwann tats\u00e4chlich mit Bibelauslegungen argumentiert. Des weiteren r\u00e4umt er auf Seite 200 ein, dass er auch atonale Musik f\u00fcr Tonleiter-Musik h\u00e4lt &#8211; damit fallen also bspw. Ger\u00e4uschmusik und Collage raus, und konsequenterweise hat er f\u00fcr Konzepte und Multimedia erst recht nur Abf\u00e4lliges \u00fcbrig:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Gegenw\u00e4rtig ist es vor allem der Neue Konzeptualismus, der dem Gedanken vom Materialfortschritt abschw\u00f6rt. Er, dem so unterschiedliche Komponisten wie Peter Ablinger, Jennifer Walshe oder Johannes Kreidler zugerechnet werden, versteht sich als Avantgarde, aber nicht mehr vom Material her. Seine Erweiterung des Kompositionsbegriffs \u00fcber den Klang hinaus zugunsten von Konzepten bekennt sich zu Gehalts\u00e4sthetik statt Material\u00e4sthetik, Kommunikation statt Werk oder Medium statt Material. Wie sein Vorbild, die Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre, bindet er den Abschied vom Material mit dem Abschied vom Werk zusammen und erzwingt eine fr\u00f6hliche Entdifferenzierung von Musikalischem und Au\u00dfermusikalischem. Sein Schicksal ist jedoch das gleiche, das bereits John Cage erlitt: Was ihm gelingt, gelingt ihm einzig als Kontrast zum Werk.&#8220; (S. 71f)<\/p><\/blockquote>\n<p>Cage (und den Neuen Konzeptualismus) auf ein parasit\u00e4res Anti-Kunst-Dasein zu reduzieren, kann man eigentlich nur dummdreist nennen. Da muss sich jemand schon viel M\u00fche gegeben haben, die riesige Cage-Rezeption au\u00dfen vor zu lassen. So kann man eine wacklige Ausgangsthese nat\u00fcrlich durch ein ganzes Buch peitschen.<br \/>\nEs ist insofern schade, weil ich es nach der Erfahrung von Multimedia, Konzepten und all den herausgearbeiteten &#8218;diesseitigen&#8216; Aspekten von Musik f\u00fcr durchaus nachdenkenswert halte, was denn nun Musik doch an wirklicher Eigengesetzlichkeit hat &#8211; aber eben erst vor dem Hintergrund der Erfahrung all ihrer heteronomen Bez\u00fcge. Hindrichs macht es sich letztlich bzw. von vornherein in der Musik zwischen 1800 und ~1960 bequem, an der Ausgangsthese gibt es praktisch keinen Zweifel. Was er an Neuer Musik nach 1960 anf\u00fchrt, ist h\u00f6chst selektiv, auf der H\u00f6he der Neuen Musik von nach 2000 ist er ganz gewiss nicht. Wenn er sein Buch als eine Ontologie der tonalen Musik und ihren Vorg\u00e4ngern und Ausl\u00e4ufern bezeichnen w\u00fcrde, f\u00e4nde ich es zwar immer noch stockkonservativ (denn auch die Musik des 19. Jahrhunderts l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich marxistisch verstehen), aber zumindest w\u00fcrde es einen Sinn ergeben. Eine Ontologie der Musik schlechthin, die er hier aber postuliert, scheitert an Unkenntnis oder eher noch an Ignoranz der Neuen Musik der letzten Dekaden, oder eigentlich scheitert er an der prinzipiellen Offenheit der Neuen Musik seit dem Schritt in die Atonalit\u00e4t.<br \/>\nMir kommt das Ganze (mal wieder) wie ein unbewusstes R\u00fcckzugsgefecht vor, der Autor sp\u00fcrt irgendwo dumpf, dass mittlerweile genau das Gegenteil der Fall ist oder dabei ist, sich durchzusetzen, was aber (aus ungekl\u00e4rten Gr\u00fcnden) nicht sein soll. Schon bei <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=10495\">anderen Texten<\/a> aus der letzten Zeit, in der &#8222;Autonomie&#8220; (ein <a href=\"http:\/\/www.musikderzeit.de\/cms\/resources\/1389182843b76e7477981ad1cbda5f48f3a8dc3fa7\/NZfM_2014_01_lehmann.pdf\">rhetorischer Begriff<\/a>) der Musik verteidigt werden sollte, hat sich mir dieser Eindruck aufgedr\u00e4ngt, was sich durch <a href=\"http:\/\/masterpiecemanagement2014.wordpress.com\/\">aktuelle Projekte<\/a>, in denen nun Konzeptualismus reinsten Wassers betrieben wird, best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Da sind wir beim n\u00e4chsten &#8211; bei Wolke ist ein Aufsatzband &#8222;<a href=\"http:\/\/www.wolke-verlag.de\/flammer-fortschritt.html\">Fortschritt &#8211; was ist das?<\/a>&#8222;, herausgegeben von Ernst Helmuth Flammer, erschienen. <a href=\"http:\/\/www.wolke-verlag.de\/files\/wolke-2014\/medien\/titeluebersicht\/pdf\/flammer-fortschritt_inhalt.pdf\">Das Vorwort ist online einsehbar<\/a> und enth\u00e4lt Stellen wie:<\/p>\n<blockquote><p>\n &#8222;[&#8230;] scheint bezogen auf das Komponieren die sch\u00f6ne, heile Welt, die dessen digitale sogenannte Demokratisierung (Harry Lehmann) suggeriert, nicht, im Hinblick auf ein m\u00f6gliches Ende der Kunst, einen verantwortungsethischen Dammbruch zu markieren? Kaum vorstellbar, wenn sich jeder Dilettant, der nicht Noten lesen kann, jeder Idiot fortan als Komponist bezeichnen k\u00f6nnte. Lehmanns Abstraktion der Ethik exculpiert ihn nicht davon, diesen Dammbruch billigend als Kollateralschaden in Kauf zu nehmen.&#8220; (S. 13)<\/p><\/blockquote>\n<p>Oh Gott, da gibt es also tats\u00e4chlich nun die M\u00f6glichkeit, am Computer Musik zu machen, mit Code statt mit Noten, und das kann dann auch noch im Internet publiziert werden!! (Ich nehme an, das meint Flammer mit &#8217;sich als Komponisten bezeichnen&#8216;) Nehmt den Kids die Laptops weg! Wer &#8222;anst\u00e4ndig&#8220; komponiert, ist kein Idiot!<br \/>\nDas Buch ist nach Eigenaussage der Auftakt einer auf 4 B\u00e4nde geplanten Reihe, die den Entwurf einer Philosophie der Musik des 21. Jahrhunderts bilden soll. Flammer selbst hat den Gro\u00dfteil der herausgegebenen Texte verfasst. Das Buch hat 528 Seiten.<\/p>\n<p>Darin findet sich auch ein Text von Claus-Steffen Mahnkopf, der parallel in der aktuellen &#8222;<a href=\"http:\/\/www.klett-cotta.de\/ausgabe\/Musik_&#038;_Aesthetik_Heft_01_Januar_2014\/39873\">Musik &#038; \u00c4sthetik<\/a>&#8220; erschienen ist: &#8222;Nochmals Materialfortschritt&#8220;. Bis auf eine kritische Er\u00f6rterung, was denn nun Fortschritt in der Musik sein soll (ich spreche auch lieber von &#8222;Klangrecherche&#8220; als von &#8222;Materialfortschritt&#8220;) steht darin keine Erkenntnis zu dem Thema, die ich nicht auch schon formuliert h\u00e4tte (wieder: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/kreidler__zum_materialstand_der_gegenwartsmusik.pdf\">Zum &#8218;Materialstand&#8216; der Gegenwartsmusik<\/a>&#8222;), nur adressiert Mahnkopf seinen Text an einen nicht genannten Widerpart &#8211; man darf vermuten, dass mit dem &#8222;Meisterphilosophen&#8220; Lehmann gemeint ist und mit den &#8222;Digitaleuphorikern&#8220;, die sich dem &#8222;totalen Archiv&#8220; bedienen, ich. Diesem hier aber anonym gehaltenen Opponenten kann Mahnkopf auf diese Weise die billigsten Meinungen andichten, die er dann altklug auszur\u00e4umen vermag. Ich frage mich, ob Mahnkopf wirklich glaubt, die Leser seien so dumm, derartige Rhetorik nicht zu durchschauen. W\u00fcrde Mahnkopf mein Blog lesen, w\u00fcrden uns wenigstens S\u00e4tze wie diese endlich erspart bleiben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die gesamte Neue Musik seit Beginn des 20. Jahrhunderts kann als eine systematische Erweiterung des Materials betrachtet werden. Das war logisch und unvermeidlich, ist aber kein Garant f\u00fcr gro\u00dfe Musik oder \u00fcberzeugende Werke.&#8220; (S. 111)<\/p><\/blockquote>\n<p>Man beachte den <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=11645\">Kulturtechno-Beitrag vom 3.12.2013<\/a>:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/kulturtechno-files\/mem-diskurs\/mem22.jpg\" rel=\"lightbox[12350]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/kulturtechno-files\/mem-diskurs\/mem22.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"400\" height=\"387\" \/><\/a><\/p>\n<p>(K\u00fcnftig werde ich f\u00fcr S\u00e4tze dieser Art die goldene Garantiezitrone verleihen. Vorletztes Jahr w\u00e4re sie schon mal an Rainer &#8222;<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9682\">Doch die blo\u00dfe Nutzung der Digitaltechnologie garantierte nicht automatisch auch k\u00fcnstlerisch gelungene Projekte<\/a>&#8220; Nonnenmann gegangen.)<\/p>\n<p>Ob sich Mahnkopf gar nicht mehr traut, einen Gegner direkt anzusprechen und sich mit dessen tats\u00e4chlichen Gedanken zu befassen? Da monologisiert er lieber vor sich hin. So endet also ein Diskurs im Leerlauf.<\/p>\n<p>Dann aber noch ein (nat\u00fcrlich aus meiner Sicht) erfreulicher Texthinweis, Alexander Strauch hat bemerkenswerte Parallelen zwischen Sch\u00f6nbergs &#8222;\u00dcberlebendem aus Warschau&#8220; und meiner &#8222;Fremdarbeit&#8220; gezogen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2014\/02\/08\/fremdarbeit-und-a-survivor-from-warsaw-das-moderierte-melodram\/\">http:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2014\/02\/08\/fremdarbeit-und-a-survivor-from-warsaw-das-moderierte-melodram\/<\/a><\/p>\n<p>Und mittlerweile gibt es auch einen Wikipedia-Eintrag zur Konzeptmusik:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konzeptmusik\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konzeptmusik<\/a><\/p>\n<p>Soweit, sch\u00f6nes Wochenende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuell gibt es ein paar bemerkenswerte Ver\u00f6ffentlichungen zum Neuen Konzeptualismus und zur Digitalisierung in der Neuen Musik. Bei Suhrkamp ist j\u00fcngst das Buch &#8222;Die Autonomie des Klangs&#8220; von Gunnar Hindrichs erschienen. Ein paar \u00dcberlegungen des Autors zum &#8218;Material&#8216; teile ich, sie stimmen mit einigen Gedanken meines Textes &#8222;Zum &#8218;Materialstand&#8216; der Gegenwartsmusik&#8220; \u00fcberein. 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